Linux mit Kindern
Roland Balzer, Die Pinguine e.V.
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1 Die Umgebung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Computerunterricht für Kinder unter Linux. Die Kinder des Stadtteils Linden-Süd wachsen in einer Umgebung auf, die nicht typisch ist für Deutschland. Es ist der ärmste Teil des traditionellen Arbeiterviertels Linden/Hannover. Mehr als 50% der Eltern sprechen eine andere Sprache als Deutsch zu Hause. Der Stadtteil macht einen Strukturwandel durch. Die alten großen Fabriken wie die Hanomag arbeiten mit weit weniger Beschäftigten als früher. Andere Fabriken wie die Ahrberg-Wurstfabrik wurden geschlossen und nach einiger Zeit des Lehrstands umgebaut und anderen Zwecken zugeführt. Das vollständig umgebaute,,Ahrberg-Gelände`` beherbergt heute soziale Einrichtungen, kleine Firmen, Gastronomie, ein Hotel und viele moderne Wohnungen.
Dort befindet sich auch der Computerraum der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die mit einer ganzen Reihe von Beratungs- und Ausbildungsangeboten auf dem Ahrberg-Gelände vertreten ist. Der erste Kurs wurde mit den dort vorhandenen vier Rechnern durchgeführt, was sich bei acht Kindern als zusätzliche pädagogische Schwierigkeit herausstellte.
Die Kinder sind zwischen 6 und 12 Jahren alt. Die meisten fielen aber in die Altersgruppe zwischen 7 und 11, also in das Grundschulalter. 80-90% der Kinder haben Eltern, deren Muttersprache nicht deutsch ist.
Die Kinder in Linden-Süd sind typischerweise Einwandererkinder, ob ihre Eltern nun aus der Türkei, aus Spanien, Portugal, Russland oder Polen kommen oder gar aus einem andern Kontinent. Die Kinder wachsen auf im Spagat zwischen zwei unsicheren Kulturen, nämlich der aus dem Herkunftsland mitgebrachten und der neuen ungefestigten deutschen der Berliner Republik. Sie wachsen überdies auf zwischen zwei Sprachen, denen sie jeweils meist auch nur in einer reduzierten Form begegnen. Die Unsicherheit was denn nun gilt, wonach man sich richten soll und wo man seine Vorbilder herbekommt ist groß.
Der Streß, dem diese Kinder ausgesetzt sind, ist nicht unerheblich. Die Wohnungen sind klein und die Wände dünn, es gibt viele Geschwister und das Leben ist nicht einfach für die kleinen Nachwuchsdeutschen, die einmal die nicht unerheblichen Ruhestandsgelder der heutigen Politiker aufbringen sollen. Es fehlt schon an der Voraussetzung für Konzentrationsfähigkeit, nämlich der Ruhe und Sammlung, die unter den Lebensbedingungen in Linden-Süd nicht gerade gefördert werden.
Vorerfahrungen mit Computern gab es bei den wenigsten Kindern. Die Arbeit hat gezeigt, dass man eine kleine Gruppe braucht, wenn Sechsjährige dabei sind und die 12jährigen schon einen anderen Unterricht brauchen. Eine Gruppe für das Alter 7-11 ist homogen genug um zusammenzuarbeiten.
Kinder im Übergang zur Adoleszenz sind aber in einer solchen Gruppe nicht gut aufgehoben, insbesondere Mädchen können früh in die Pubertät kommen. Dann kommt es zu einer Abgrenzung gegen die jüngeren Kinder, das Mädchen fühlt sich "fehl am Platz".
2 Der Unterricht
Der Unterricht findet nachmittags, meist zwischen 15.00 und 16.30 statt, der erste Kurs zwischen 16.00 und 17.30. Aus der Erfahrung des ersten Kurses haben wir die Kurszeit vorverlegt. Die Kinder sind durch Schule, Schularbeiten und Hort schon beansprucht und ihre Konzentration lässt am späten Nachmittag verständlicherweise nach. Da wir im ersten Kurs meistens zu zweit gearbeitet haben ließ sich die Situation mit acht Kindern und vier Rechnern einigermaßen beherrschen. Rangeleien und das Bedürfnis sich auszutoben kanalisierten wir indem wir eine Pause einführten.
3 Die Technik
Dennoch kann man niemand empfehlen, im Unterricht mehr Kinder als Rechner zu haben. Aus einer Spende älterer Rechner installierten wir für die nächsten Kurse vier weitere Rechner. Dabei verwendeten wir als Betriebssystem Linux (Version Suse 7.3, später Mandrake 8.1). Man kann (und soll) Kinder diesen Alters nicht permanent vom Experimentieren abhalten, der Drang etwas auszuprobieren ist sehr groß und man kann das als pädagogische Antriebskraft nutzen. Doch Anfangs war es immer wieder nötig die Windows(98) Installationen nach dem Unterricht zu überprüfen und gegebenfalls wieder in Ordnung zu bringen (der Raum wurde auch für weitere Kurse benutzt). Das erzeugt sehr viel Wartungsaufwand und erfordert rigidere Verhaltensvorschriften für den Unterricht. Da es aber das Ziel des Kurses war, Kinder überhaupt erstmal mit dem Phänomen Computer bekannt zu machen, sollten sie auch frei damit umgehen können. Unter Linux ist es möglich Benutzerzugänge für die Kinder zu schaffen, bei denen sie alles mögliche ausprobieren können ohne die Grundinstallation des Rechners durcheinanderzubringen oder auf Daten, die aus anderen Kursen auf den Rechnern liegen zuzugreifen. Das entspannt die Kursleiter und Wartungsverantwortlichen und gibt mehr Zeit für die eigentliche Arbeit.
Ermöglicht wurde das durch eine sogenannte Dual-Boot-Installation, (man kann beim Hochstarten des Rechners wählen, ob man mit Linux oder Windows arbeiten will) da auch andere Kursleiter berücksichtigt werden mußten, die Windows für ihre Zwecke brauchten.
Bei den Rechnern, die wir aus der Spende zur Verfügung hatten handelte es sich um Siemens Pentium I Rechner mit 133 Mhz, 1 Gigabyte-Platte und 64 bis 96 MB Ram. Der zunächst etwas unbefriedigenden Platzverhältnisse (weder Windows noch Suse 7.3 ließen ausreichend Platz für unsere Spiel- und Lernprogramme) wurden wir besser Herr, als wir Mandrake mit einer speziellen Partionierung Mit 1,2 GB Platten befanden wir uns zwar am Rande des technisch möglichen doch haben wir neben Spielen und einfachen Office-Anwendungen auch die Bildverarbeitung GIMP an Bord.
4 Gruppendynamik
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Gruppen, die sich erst im Unterricht finden und bestehenden Gruppen, die jetzt Computerunterricht bekommen. Das sind etwa unsere Hortkurse. Die Kinder treffen sich jeden Tag im Hort und es besteht eine gruppendynamische Ordnung unter ihnen. Diese Gruppen reagieren sehr stark auf Veränderungen der Soziostruktur. Z.B. ist ein bestimmtes Kind gruppendynamisch sehr angesehen, weil es kräftig ist und sportlich. Im Computerunterricht wird aber seine bestehende Gruppenposition in Frage gestellt, weil es dort vielleicht nicht so geschickt ist. Die Folge ist häufig, dass es sein gewohntes Dominanzverhalten verstärkt einsetzt. Also laut sein, raufen etc. Das macht den Unterricht natürlich nicht einfacher.
In Gruppen, die sich neu finden, kommt es sehr viel weniger zu solchen Situationen, möglicherweise auch, weil die Wertigkeit innerhalb der Gruppe sich stärker an dem orientiert, was man gemeinsam tut. Der Lehrer hat mehr Einfluß auf die sich gerade erst bildende Gruppe.
5 Die Finanzierung
Der Anstoß zu dieser Arbeit ging von der Arbeiterwohlfahrt, dem Sozialarbeiter Siggi Rohloff aus, der zum Zeitpunkt des Beginns die Gemeinwesenarbeit Linden-Süd der Awo mit Mercedes Menke betreute. Geld für den ersten Kurs bekamen wir von der Awo-Gemeinwesenarbeit Linden-Süd, die eine Teilfinanzierung durch das Jugendamt der Stadt Hannover vermittelte. Der Raum, indem wir unterrichteten, war jedoch schlecht ausgestattet (vier Rechner, dazu sehr unterschiedlich). Für die nächsten Kurse statteten wir den Raum mit fünf Vereinsrechnern aus und verlegten ein Netzwerk. Dazu installierten wir Linux als Betriebssystem auf allen Rechnern. Bislang ist es immer notwendig gewesen, unbezahlt Wartung, Austausch von Geräten und Bereitstellung von Geräten durch Die Pinguine e.V. zu leisten um den Unterricht überhaupt durchführen zu können. Mittel, die zur Verfügung standen wurden für Lernspiele,Lexika, Soundkarten und Druckerpatronen gebraucht. Der technische und Wartungsaufwand für einen Schulungsraum ist erheblich. Glücklicherweise haben wir innerhalb des Vereins immer Leute gefunden, die umsonst oder für geringe Summen die notwendige Arbeit geleistet haben.
Das Geld für die Unterrichtshonorare wurde von der Gemeinwesenarbeit bis zu ihrer Abschaffung verwaltet und ausgezahlt. Wir haben Kurse teilweise zu zweit durchgeführt bei denen nur eine Person bezahlt wurde. Sonderaktionen wie einen Kinderwettbewerb, bei dem wir einen Computer mit 17'' Monitor als Preis stifteten, und einen gemeinsamen Gang ins Internet-Cafe haben wir überwiegend selbst finanziert.
Insgesamt wurden die Kurse überhaupt nur möglich, weil alle Beteiligten praktisch, mit Engagement für die Sache, sparsam und durchdacht handelten. Und natürlich, weil es ein (kosten-)freies Betriebssystem Linux gibt.
Für die Zukunft sind wir nach Abschaffung der Gemeinwesenarbeit der Awo durch die Stadt hinsichtlich Organisation, Finanzierung und Durchführung weitgehend auf uns selbst angewiesen. Da die Kinder keinen größeren Beitrag als 1-2 Euro pro Unterrichtseinheit leisten können (und sollen) bleiben uns als Finanzierungsquelle nur private Spenden und Unterstützung durch öffentliche Institutionen. Diese ist meist durch eine Fülle von zeitaufwendigen Regelungen, geringer Verfügbarkeit und (wenn denn überhaupt) Zahlungszusage zu einem sehr späten Projektzeitpunkt gekennzeichnet. Da der Verein keine bezahlten Bürokraten beschäftigt, geht diese Zeit von der knappen freiwillig geleisteten Arbeit ab.
6 Fazit
Um eine kindgerechte Zusammenfassung des Gelernten zu ermöglichen wurde zum Abschluß der aktuellen Kurse ein kleiner Wettbewerb mit den Kindern verschiedener Kurse veranstaltet.
Auch unter unbekannten und nicht begünstigten Umständen kann man Kinderkurse mit Linux durchführen. Das ist das wichtigste Ergebnis unserer bisherigen Arbeit.
Vor allem die Kosten, die üblicherweise entstehen, wenn Kurse durchgeführt werden, lassen sich erheblich reduzieren. Software aus dem Microsoft-Umfeld ist teuer und hat (zumal mit Kinderkursen) einen erheblichen Wartungsaufwand. Zwar kann man wegen der guten Lernsoftware von Tivola nicht vollständig auf Windows verzichten, aber es reicht eben ein oder zwei Rechner damit auszustatten.
Es ist auch möglich mit älteren Rechnern zu arbeiten, wenn sie für unsere Kinder auch oft eine arge Geduldsprobe darstellen. Man muss aber dafür sorgen dass Umfang der installierten Software und Geschwindigkeit des Rechners ausreichend sind. Nach Mandrake 8.1, mit dem wir bessere Erfahrungen gemacht haben als Suse 7.3 (das gilt nur für alte Rechner), wird Debian der nächste Versuch sein, etwas mehr Geschwindigkeit herauszuholen. Ach ja, Star- bzw. OpenOffice sind auf Pentium I-II Basis einfach nur undiskutabel langsam. AbiWord ist allerdings ein gutes Produkt um in die Textverarbeitung einzusteigen.
Die Kinder dieses Stadtteils sind nicht einfach und verlangen ein hohes Maß an pädagogischer Kreativität und Durchsetzungskraft. Die wichtigste Grundfähigkeit, die man mit ihnen trainieren kann, ist die sich zu konzentrieren. Dafür sind einfache bis mittelschwere Spiele ganz gut einsetzbar. Es sind dafür auch weder wunderschöne Grafikgestaltung noch dreidimensionale Spielräume nötig. Tetris und Patience tun es vielleicht sogar besser. Die Kinder üben Grunddinge wie Bewegung mit Maus und Cursor, Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit usw. Das ist in einem Spiel mit einfachen Elementen leichter als in einer vielleicht (für Erwachsene) schöneren und komplexen Umgebung. Gelungene Spiele, die beides haben, sind die Petterson-Spiele.
Erst nach diesen Grundübungen kann ein allmähliches Erforschen des Rechners, das Ausprobieren von Programmen wie Malprogrammen und Textprogrammen funktionieren. Sonst wird das Kind zu schnell an - aus Erwachsenensicht - einfachen Dingen scheitern und sich frustriert und überfordert fühlen. Überhaupt sollte man sich bewußt sein, dass sieben- bis elfjährige Kinder nicht unbedingt lernen müssen, was viele Erwachsene nicht beherrschen. Sie wollen aber gern lernen, ausprobieren und erforschen und darin soll man sie unterstützen. Es geht nicht darum, Rekorde aufzustellen, sondern sie zu ermuntern kreativ mit dem Computer umzugehen (dazu braucht man natürlich ein stabiles Betriebssystem).
Und wie hält man sie von Ego-Shootern und sonstigen Gewaltspielen fern? Ganz einfach, unsere Rechner geben weder vom Speicher noch von der Geschwindigkeit her die Möglichkeit solche Spiele zu nutzen. Ein Internet-Anschluß ist nicht vorhanden (bzw. nicht freigeschaltet), wir haben aber einmal einen gemeinsamen Ausflug ins Internet gemacht.
Das sorgt für viel Frust und Geschrei. Große Brüder haben angeblich 5000-Megahertz-Rechner und töten drei Monster pro Sekunde. Nur sie, unsere armen Kleinen werden wieder mal mit Rechnermüll und senilen Lehrern abgespeist. Zehn Minuten später sitzen sie dann vorm Knollennasenmännchen und probieren fasziniert Gesichter aus. So ganz falsch können wir wohl doch nicht liegen.
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